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Weshalb die Zeitumstellung unseren Schlaf stört

Am Sonntag beginnt die Winterzeit – viele werden aufatmen, denn sie können eine Stunde länger schlafen. Bei der Sommerzeit ist das anders. Einige Experten fordern, sie abzuschaffen
von Dr. Reinhard Door, aktualisiert am 27.10.2017

Winterzeit: Die Uhr wird von 3 Uhr auf 2 Uhr zurückgestellt

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Als das Argument Stromsparen noch keine Rolle spielte, wollte Benjamin Franklin eine ­andere Energiequelle schonen. Der Naturwissenschaftler und einer der Gründerväter der USA sorgte sich um den hohen Kerzenverbrauch seiner Landsleute. Im 18. Jahrhundert schlug er ihnen deshalb vor, früher aufzustehen und schlafen zu gehen, um den Bedarf an Wachs zu verringern.

Ähnliche Gedanken hegten im Zeitalter des elektrischen Lichts auch europäische Staatsmänner. Sie forderten jedoch keine anderen Schlafenszeiten, sondern drehten einfach an der Uhr. In den Sommermonaten sollte dies den abendlichen Strombedarf senken. Schon während der beiden Weltkriege setzten verschiedene Länder auf diese Möglichkeit der Energieeinsparung. In Friedenszeiten griffen sie sie wieder auf.

Seit 1980 gibt es die Sommerzeit

Seit 1980 werden auch in Deutschland die Uhren im März um eine Stunde vorgestellt, im Herbst zurückgedreht. Seit 1996 tun dies alle EU-Staaten am selben Tag. Die Einsparung erwies sich seither zwar als bestenfalls geringfügig – doch die Sommerzeit ist in der Welt.

Die Politiker hatten allerdings keine Chronobiologen zur Seite, die sie befragen konnten. Deren Disziplin wurde vor 37 Jahren kaum ernst genommen. Zwar hatten Pioniere des Fachs schon herausgefunden, dass Menschen über eine Art innerer Uhr verfügen, seit bei den legendären Andechser Bunkerversuchen Freiwillige wochenlang ohne Tageslicht auskommen mussten.

Auch hatte sich dabei gezeigt, dass die innere Uhr selten exakt dem äußeren 24-Stunden-Rhythmus folgte. Doch daran, dass dem inneren Takt­geber die Zeitumstellung nicht guttun könnte, verschwendete kaum jemand einen Gedanken.

Viele Abläufe im Körper durch innere Uhr beeinflusst

Das hat sich geändert. Die Chronobiologie ist inzwischen eine anerkannte Wissenschaft. Vieles an molekularen Grundlagen und biologischen Vorgängen, die plakativ als das Ticken der inneren Uhr beschrieben werden, wurde mittlerweile aufgeklärt. Zahlreiche Abläufe im Körper folgen einem tageszeitlichen Rhythmus: schlafen und wachen, der Blutdruck, die Hormonproduktion, der Stoffwechsel, sogar die Gehirnleistung.

Heute warnen viele Fachexperten davor, dass Zeitumstellungen diese regelmäßigen Abläufe durcheinanderbringen, denn im Gegensatz zu einer Reise in eine andere Zeitzone ändert sich äußerlich nichts als die Zeigerstellung der Uhr. Vor allem ändert sich nichts an der Tageslichtdauer, die Sonne geht im selben Turnus auf und wieder unter.

Durch die Manipulation an der Uhr, der zumindest arbeitende Menschen folgen müssen, ist es jedoch abends eine Stunde länger hell – und morgens, wenn der Wecker geklingelt hat, noch länger dunkel. Das hat Folgen für die innere Uhr, die über die einstündige Verschiebung hinausgehen. Licht ist nämlich für sie der entscheidende "Zeitgeber", wie Chronobiologen sagen: Es synchronisiert den leicht abweichenden Rhythmus der inneren Uhr mit dem 24-Stunden-Tag.

Besonders Büroarbeiter leiden unter Zeitumstellung

Dabei stellt Licht am Morgen die innere Uhr vor, wir werden abends früher müde. Licht am Abend jedoch stellt sie nach, uns drängt es später in die Federn. Das erklärt, warum besonders Büroarbeiter unter der Umstellung leiden: Sie bekommen vor Arbeitsbeginn nur wenig Tageslicht ab, viel weniger als am "verlängerten Feierabend". Die Innenraum-Beleuchtung tagsüber fällt kaum ins Gewicht. Folglich werden sie erst spät müde – und müssen doch am nächsten Morgen eine Stunde früher aufstehen. Wer seinem Job eher im Freien nachgeht, etwa als Bauarbeiter, hat dieses Problem kaum.

Wie gut man die Uhrumstellung verträgt, hängt von einem zweiten Faktor ab: Chronobiologen unterscheiden zwischen Früh- und Spättypen. Der Frühtyp, oft "Lerche" genannt, steht im Extremfall mit den Vögeln auf und schläft schon vor der "Tagesschau" ein. Der Spättyp, die "Eule", wird erst mittags so richtig wach, ist aber bis spät in die Nacht topfit. Die meisten Menschen liegen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen, tendenziell überwiegen spätere Typen.

Eulen tun sich schwer

"Eulen müssen sich ohnehin schon schwer an unsere gesellschaftlichen Normen anpassen, wenn sie ihre Arbeitszeit nicht frei wählen können", sagt Professor Henrik Oster, Leiter einer Arbeitsgruppe Chronophysiologie an der Universitätsklinik Lübeck. Doch, sagt Oster, wird mit der Umstellung im März die Schere noch weiter geöffnet, muss der Spättyp noch eine Stunde früher in der Arbeit erscheinen. Zur Sommerzeit im Büro zu arbeiten, das ist für manche Eule ein täglicher Kampf mit dem Wecker und der Tagesschläfrigkeit. Und viele werden aufatmen, wenn ab Herbst wieder die "Normalzeit" gilt.

Doch ist das Problem nicht nur ein vorübergehendes? Befürworter der Sommerzeit argumentieren, innerhalb weniger Tage sei der normale Rhythmus wiederhergestellt. Für Frühtypen stimmt das wahrscheinlich, für Eulen eher nicht. Dr. Thomas Kantermann, der seit über zehn Jahren zur Chronobiologie forscht, hat das zusammen mit Kollegen untersucht. Die Forscher unterteilten ihre Versuchsteilnehmer nach Chronotypen und verfolgten vor und nach der Uhrumstellung jeweils vier Wochen lang, wie gut diese ihren Schlaf und die Aktivitäten auf die veränderte Zeit umstellen konnten.

Ergebnis: Die Eulen hatten sich noch nach vier Wochen nicht angepasst. "Wir gehen davon aus, dass vielen das über den ganzen Sommer hinweg nicht gelingt", sagt Kantermann.

Das Ein- und Durchschlafen fällt schwerer

Dabei würde es den Eulen auch wenig helfen, gingen sie einfach früher zu Bett. In einer kleinen Studie legten finnische Forscher ihren Testpersonen bei Nacht sogenannte Aktigrafen an. Das sind Messgeräte am Handgelenk, die Bewegungen erfassen. Nach der Uhrumstellung verbrachten die Teilnehmer zwar nur 16 Minuten weniger im Bett. Dennoch schliefen sie eine Stunde kürzer als vorher.

Das belegen auch andere Daten: Das Ein- und Durchschlafen fällt schwerer, der Schlaf ist weniger erholsam. "Es scheint eine ideale Schlafenszeit zu geben, die uns unsere innere Uhr vorgibt", erklärt Kantermann.

Schüler im Schlaf gestört

Besonders empfindlich reagieren Schüler auf fehlenden Schlaf. Denn der Zeittyp eines Menschen ist zwar individuell, aber er verschiebt sich im Lauf des Lebens etwas. Etwa mit der Pubertät geht die Tendenz in Richtung Eule, nach dem 20. Lebensjahr wieder in umgekehrte Richtung. Viele Lehrer können ein Lied davon singen, wenn ihnen um 8 Uhr morgens leere, müde Augen entgegenstarren.

Manche Schüler sind dann bereits zwei Stunden wach, weil sie ihren frühen Bus erwischen mussten. Sie waren also gezwungen, mitten in ihrer biologischen Nacht aufzustehen. ­Dabei wissen Schlafforscher längst, dass sich frisch Gelerntes vor allem in der zweiten Schlafhälfte im Gehirn verankert.

Ein verschobener biologischer Rhythmus wirkt sich direkt auf die schulischen Leistungen aus, wie Thomas Kantermann und Kollegen mit der Auswertung von fast 5000 Klausuren zeigten. Sie ermittelten bei gut 700 niederländischen Schülern, wie groß ihr Schlafbedarf war und ob sie eher zum Lerchen- oder zum Eulentyp zählten. Ergebnis: Den gesamten Vormittag schnitten die müden Eulen schlechter ab, erst bei Klausuren von der Mittagszeit an fielen die Noten von Eulen und Lerchen vergleichbar aus.

Schule schwänzen erlaubt

In Alsdorf in Nordrhein-Westfalen hat man darauf ­reagiert. Die Oberstufen-Schüler des örtlichen Gymnasiums können sich aussuchen, ob sie zur ersten Stunde kommen oder zur zweiten gegen neun Uhr. Dabei ist die erste Stunde stets für selbstständiges ­Lernen reserviert. Wer später kommt, muss den Stoff in einer anderen Freistunde nachholen.

Einen späteren Schulbeginn für das Gymnasium strebt auch die Stadt Bad Kissingen bei Würzburg an. Mehr noch: Sie hat sich zur "Chronocity" ernannt. In einer Rehaklinik können Mitarbeiter und Patienten bereits nach Chronotyp angepasste Therapiestunden vereinbaren. Dieses Projekt soll auf andere Kliniken übertragen werden, später will man auch Unternehmen zu entsprechend flexibler Personalplanung ermuntern.

"Es geht uns darum, chronobiologische Konzepte anhand eines konkreten Beispiels zu verdeutlichen", sagt Michael Wieden, externer Wirtschaftsförderer der Stadt. Eine Vorreiterrolle wolle man dabei übernehmen, aber auch bei Initiativen zur Abschaffung der Sommerzeit. Doch der Stadtrat bekam Angst vor der eigenen Courage und pfiff Wieden erst einmal zurück. Und der spätere Schul­beginn scheitert momentan noch am Busfahrplan. Dafür gibt es Tageslicht-Lampen und die Empfehlung des Rektors, keine Klausur vor 10 Uhr anzusetzen.

Die "Grillfraktion" liebt lange Sommerabende

Informieren, Bewusstsein schaffen will Wieden, "strategisch" ist sein Lieblingswort. Eine Strategie verfolgt natürlich auch sein Auftraggeber, der Konkurrenzkampf unter Kurorten ist hart, ein Alleinstellungsmerkmal kann da helfen – eines mit Substanz umso mehr. Gegner, die vor allem an der Sommerzeit festhalten wollen, gibt es aber nicht nur in Bad Kissingen. Sie wollen sich die schönen, langen, hellen, lauen Sommerabende nicht nehmen lassen. Wieden nennt sie die "Grillfraktion". Zu ihr zählt gut jeder dritte Bundesbürger, ermittelte die GfK im Auftrag der Apotheken Umschau.

Gleichzeitig wollen jedoch 70 Prozent die Uhrumstellung am liebsten ganz abschaffen. Und 24 Prozent gaben an, sie bräuchten meist mehrere Wochen, um sich an die Umstellung zu gewöhnen. Noch größer ist der Anteil jener, die zumindest einige Tage über Schlaf- und Befindlichkeitsstörungen klagen.

Welche anderen gesundheitlichen Folgen die Uhrumstellung hat, fasste das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag in einem ausführlichen Bericht zusammen. Viele Studien deuten darauf hin, dass in der Woche nach der Umstellung mehr Herzinfarkte auftreten, Verkehrsunfälle sich häufen und mehr Menschen unter depressiven Verstimmungen leiden. Andere Untersuchungen widersprechen. Das große Manko: Oft haben die Studien nicht genügend Teilnehmer, und der Untersuchungszeitraum ist zu kurz. Insgesamt gibt es viel zu wenige Erhebungen. Außerdem wurde kaum je ermittelt, ob die Testpersonen dem Lerchen- oder ­Eulentyp zuneigen.

Uhrumstellung bedeutet für den Körper Stress

Wie weitreichend die gesundheit­lichen Folgen sind, hält Professor Horst-Werner Korf, Direktor des Dr. Senckenbergischen Chronomedizinischen Instituts an der Universität Frankfurt, ohnehin nicht für entscheidend. "Die Umstellung ist ein Stressor für die innere Uhr, für Gesundheit und Wohlbefinden", sagt Korf. "Er wäre nur zu rechtfertigen, wenn es dafür einen ­Nutzen gibt. Den gibt es aber nicht." ­Abschaffen ließe sich die Sommerzeit nur auf europäischer Ebene, eine EU-Richtlinie regelt sie. 2007 hat sich die EU-Kommission letztmals damit befasst. Doch keiner der Mitgliedsstaaten wünschte damals die Streichung.

Sonnenauf- und untergang hängt von der geografischen Lage ab

Die Sommerzeit wirkt sich je nach geografischer Lage in Europa unterschiedlich aus. In Ostpolen geht die Sonne rund zwei Stunden früher auf und unter als in Westfrankreich, selbst zwischen dem äußersten Osten und Westen Deutschlands liegt eine Differenz von mehr als einer halben Stunde.

Doch weder solche Überlegungen noch die wirtschaftlichen Interessen des Gastrogewerbes scheinen die Abschaffung zu behindern – eher schon die Trägheit der Politiker, eine einmal EU-weit geschaffene Regelung zu kippen. Und die fehlende Kenntnis über chronobiologische Zusammenhänge, vermutet Thomas Kantermann.

Letztlich müsste die Europäische Kommission den Prozess einleiten. Die sieht sich freilich nicht zuständig und schiebt den Schwarzen Peter den Nationalstaaten zu, die ihrerseits die Verantwortung von sich weisen. Das Resultat ist Stillstand – bisher zumindest.

Solange Politiker keine Einsicht zeigen, können sich Sommerzeit-Geplagte nur selbst helfen. Einerseits, indem sie sich morgens mehr Tageslicht holen, also die Vorhänge im Schlafzimmer offen lassen. Oder etwa eine Bahnstation früher aussteigen und den restlichen Arbeitsweg zu Fuß zurücklegen. Andererseits, indem sie abends eine Überdosis Licht vermeiden. Falls das nicht hilft, bleibt zumindest die Hoffnung, dass alls besser wird, wenn die Winterzeit beginnt.



Bildnachweis: clipdealer.de

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